Das Pilatus-Puzzle

© Gerhard Batz 2003

Einführung: Das Rätsel der Pilatussage von Hausen

      Seit Generationen erzählt man in Hausen, einem kleinen Dorf in unmittelbarer Nähe der oberfränkischen Kreisstadt Forchheim, schon den Kindern in der Schule eine ungewöhnliche Geschichte über den Landpfleger Pontius Pilatus, der nach der Bibel Jesus Christus zum Tod am Kreuze verurteilte. Nach dieser Erzählung soll Pilatus in Hausen geboren sein. In ihrer Grundform hat sie der Hausener Heimatpfleger Engelbert Wagner einmal folgendermaßen zusammengefasst: (1)

Der nach den einen in Haus Nr. 48, nach den anderen in Nr. 73 geborene Bauernsohn Pilatus zeigte schon als Knabe große Fähigkeiten und wurde in die Lehre nach Nürnberg zu einem Goldschmied gebracht. Von dieser Stadt kam er über den kaiserlichen Hof in Rom als Gesandter nach Jerusalem und erwarb sich solchen Reichtum, daß er bei seinem Geburtsort Hausen eine große Stadt erbauen konnte, der er seinen Namen gab. In dem Augenblick, da er sein ungerechtes Urteil über Jesus ausgesprochen hatte, versank die Stadt in einem Abgrund. Noch heute heißt die Gegend der Pilatusstadt "Pilodes". Wenn sich einst Hausen so vergrößert hat, daß ein Hahn in die "Pilodes" gehen kann, so wird er die Turmspitze ausgraben und die Stadt wird sich wieder erheben.

      Viel wurde und wird immer wieder über diese Sage gerätselt, geforscht und noch mehr spekuliert. Eine ganze Reihe von Aufsätzen ist darüber geschrieben worden (siehe Literaturverzeichnis). Nicht nur Heimatforscher, sondern auch renommierte Wissenschaftler der unterschiedlichsten Fachrichtungen haben sich der Hausener Sage angenommen. Erklärungsansätze wurden vorgetragen und wieder verworfen oder blieben undiskutiert im Raum stehen. Gelöst wurde das Rätsel der Pilatussage bis heute nicht. Denn die vielen Erklärungen, die fast alle durchwegs richtige Denkansätze besitzen und richtige Spuren aufzeigen, verfolgen diese Ansätze und Spuren meist nicht oder nicht konsequent genug weiter bzw. zu Ende. Sie stehen außerdem unverbunden nebeneinander, weil viele Autoren nur grundsätzliche Kritik an ihren Vorgängern üben und deren positive Ansätze nicht aufgreifen. Zudem versuchte man in der Regel, über die Verfolgung eines speziellen Einzelaspektes den einzigen und endgültigen Erklärungsansatz zu finden, sodass man schon allein deswegen die übrigen Ansätze widerlegen musste. Ein "roter Faden", der alle diese Thesen und Hypothesen miteinander verbindet, existiert nicht, obwohl er doch nahe liegt. Denn es ist schon erstaunlich, dass noch niemand das Nächstliegende getan hat, nämlich sich mit dem Namensgeber der Hausener Sage selbst, mit dem biblischen Prokurator und Landpfleger Pontius Pilatus und den unzähligen Geschichten zu beschäftigen, die sich um ihn ranken. Fast scheint es, als ob man auf diesem Auge blind sei und es für unmöglich oder unwahrscheinlich hielt, dass die Hausener Sage ihre eigentlichen Wurzeln letztlich im Pilatus der Bibel haben könnte. Scheute man den hohen Arbeitsaufwand, der damit verbunden ist, weil man schnelle Aufmerksamkeit vorweisen wollte? Oder wollte man doch lieber die Behauptung von der Eigenständigkeit der Hausener Sage nicht erschüttern, um damit das Kuriose, Geheimnisvolle und Unerklärliche der Sage zu erhalten und weiterhin "phantastische" Erklärungen anbieten zu können, die Schlagzeilen garantieren?
      Regelmäßig wird das resignierende Resümee des Hausener Heimatforschers Konrad Kupfer über seine eigenen Bemühungen zitiert, eine Erklärung zu finden: ignoramus et ignorabimus (wir wissen es nicht und wir werden es nicht wissen) - womit gern weiteres Nachdenken über die Sage unterbunden wurde. Kupfers Zitat mag sicher richtig sein, wenn man unter einer Lösung die vollständige und endgültige Klärung aller Detailfragen versteht, die sich im Zusammenhang mit der Sage stellen. Denn das ist tatsächlich unmöglich. Aber vielleicht gelingt es doch, über ein systematisches und umfassendes Herangehen an den Sagenkomplex sowie über die Klärung einzelner Teilfragen eine Art Puzzle zu entwerfen, das zwar immer noch lückenhaft ist, aber das mögliche Gesamtbild in seinen Grundzügen erkennen lässt. Genau dies soll nun auf den folgenden Seiten geschehen.
      Praktisch alle Arbeiten, die sich mit der Hausener Sage beschäftigen, betonen immer wieder, dass man dem letzten Geheimnis der Sage nicht auf die Spur kommen könne, weil sie auf viel älterem Sagenmaterial beruhe, das man nicht kenne. Damit sei man nicht mehr in der Lage, nachzuvollziehen, wie dieses Material letztlich mit der Hausener Sage in Verbindung steht. An die Arbeit, diese älteren Sagenspuren zu finden, hat sich aber noch nie jemand konsequent gemacht. Schon Konrad Kupfer hat darauf hingewiesen, dass die Hausener Sage ihre Wurzeln möglicherweise in den vielfältigen europäischen Pilatuserzählungen der vergangenen Jahrhunderte gehabt haben könnte, als er schrieb: Und bei der ganzen Pilatussage ist doch zu beachten, daß der römische Landpfleger ja nicht nur in Forchheim, sondern an vielen anderen Orten auftritt. (2) Auch Ernst Pfister schrieb schon in den 20er Jahren: Tatsächlich aber ist die Sage noch viel älter; wir müssen freilich dahin gestellt sein lassen, in welcher Zeit sie zum ersten Mal auftaucht. (3) Und schließlich verweist auch Kunstmann bei seiner Auseinandersetzung mit der Sage noch Ende der 70er Jahre darauf, dass sie auf einer älteren Thematik beruhe. Aber auch Kunstmann geht seiner Erkenntnis nicht weiter nach, sondern will dies lieber der vergleichenden Sagenforschung überlassen. (4) Man wusste also oder ahnte zumindest, dass in dem so genannten "älteren Sagenmaterial" der Schlüssel zur Lösung des Rätsels unserer Sage liegt. Nur ein Einziger, nämlich Ernst Deuerlein (5), hat etwas ernsthafter versucht, Bezüge zur uralten allgemein bekannten Pilatussage herzustellen. Aber über mehr als eine knappe Beschreibung kommt er nicht hinaus. Wir wollen im Folgenden einen neuen Versuch wagen und werden zeigen können, dass ohne ein umfassendes Verständnis dieses ursprünglichen Sagenstoffes, seiner dahinter stehenden Absichten, seiner Entstehung und seiner Verzweigungen über die Jahrhunderte hinweg eine Erklärung für die Hausener Sage unmöglich ist.
      Ein vielleicht entscheidendes Problem vieler Ansätze lag jedoch darin, dass man immer nach einer speziellen und alten Pilatussage aus Hausen suchte, die der Auslöser der jahrhundertealten Pilatustradition unserer Gegend sein sollte. Dabei ließ man aber völlig außer Acht, dass die Hausener Version effektiv erst im Jahr 1855, also vor noch nicht einmal 150 Jahren, zum ersten Mal schriftlich auftauchte und damit an historischen Maßstäben gemessen sehr jung ist. Man stellte sich nie die Frage, warum die Sage erst so spät eine schriftliche Form fand, wenn sie doch in Wirklichkeit schon Hunderte von Jahren existiert hat. Warum wird bei den unzähligen Hinweisen vor dem Jahr 1855 auf eine Forchheimer Pilatustradition nirgends auch nur mit einem einzigen Wort das Dorf Hausen erwähnt? Eine ganz entscheidende Frage, die schon an dieser Stelle den Verdacht aufkommen lässt, eine spezielle alte Hausener Pilatussage habe es vielleicht überhaupt nie gegeben.
      Da sich die Pilatussage bis hin zur Hausener Version, wie wir sie heute kennen, über Jahrhunderte hinweg entwickelt haben muss und in verschiedenen zeitlichen und textlichen Etappen "gewachsen" ist (6), müssen wir systematisch nach den Ursprüngen suchen und eine Einordnung der Hausener Sage unter die unzähligen und vielfältigen Geschichten vornehmen, die sich um den biblischen Pontius Pilatus drehen, damit die verschiedenen Entwicklungsstufen verstehbar werden. Wir müssen dann vor allem herausfinden, zu welcher Zeit die eigentliche Hausener Textversion entstanden ist, und wir müssen berücksichtigen, was Ruprecht Konrad über die historische Entwicklung von Sagen geschrieben hat: (7)

Sagen sind ihrer Genese, d.h. gerade auch den Intentionen ihrer Vermittler nach, außerordentlich komplexe Gebilde. Wer in ihnen "einfache Formen" vermutet, verkennt gründlich ihre Struktur. Die sich am ursprünglichen Kristallisationskern, vor dem sog. "historischen Hintergrund" entwickelnden Assoziationselemente bilden sich ja nicht linear weiter, weder sprachlich, noch von der Erzählstruktur, noch von der Motivgestaltung her. Über Erzählergenerationen hinweg werden Sagen von Interpretationsversuchen begleitet, von Missverständnissen, Unverstandenem und nicht mehr Erkennbarem verformt und von neuen, jeweils zeit- und situationsbedingten Interessen her neu gestaltet, durch gewollte oder unbewußte Assoziationen verändert. Oft genug verdrängt die Überlieferung schließlich den eigentlichen Kern.

      Mit diesen Vorüberlegungen für die Analyse unserer Sage im Hinterkopf müssen wir den ursprünglichen Kristallisationskern (oder auch mehrere) zu finden versuchen und die entscheidende Frage beantworten, ob die Hausener Version des Sagenstoffes eigenständig ist oder nur eine weitere Verzweigung des gesamten jahrhundertealten Komplexes von Pilatusgeschichten. Um dies aufzuzeigen, ist im Rahmen dieser Arbeit ausführlich zu klären, wie sich unsere Sage in den historischen Zusammenhang des gesamten Sagenkreises um den biblischen Pilatus einordnen lässt. Unser Weg wird daher von der Geschichte des Pilatus im Neuen Testament und den ersten frühchristlichen und apokryphen Pilatuslegenden hinführen zu den deutschen Ausprägungen der Sagen und Legenden um Pilatus, an dessen Ende die Hausener Sage in der heute tradierten Form steht. Gerade dies wird uns sehr bald zeigen, dass wir es nicht mit einer klassischen Volkssage zu tun haben, die sich durch mündliche Weitergabe entwickelt hat, sondern dass die aus der Bibel entstandene Thematik nahe legt, dass es sich bei den Grundlagen unserer "Sage" eher um eine Art religiöser Legende handelt (angesichts des äußerst negativ gezeichneten Pilatus will Doris Werner lieber von einer Anti-Legende gesprochen wissen (8)), die im Hinblick auf eine ganz bestimmte Absicht in kirchlichen Kreisen intellektuell konstruiert, systematisch weiter entwickelt und verbreitet wurde. Wir werden Geschichten zu hören bekommen, deren Überschriften spannend wie aus einem Kriminalroman klingen bzw. selbst Titel für Sagen oder Märchen abgeben könnten, so z.B. von der Rache des Erlösers, vom Grafen von Edessa, von einer großen Pilgerfahrt, von einer Predigt im Franziskanerkloster, von einem französischen Comte in Franken oder vom Pfarrer von Pilatopolis (diese Überschriften sollen natürlich auch ein wenig die Neugier des Lesers für die folgenden Ausführungen wecken).
      Und da auch und gerade die benachbarte Kreisstadt Forchheim den Anspruch erhebt, in ihren Mauern sei Pilatus geboren, wird man die Frage klären müssen, ob Hausen oder Forchheim als Geburtsort des Pilatus der Sage anzusehen ist oder - um es gleich vorweg zu nehmen - wie die beiden Orte in der Sagentradition zusammenhängen. Verschiedene Fragen, die sich aus den historischen Originaldokumenten ergeben, die mit der Entstehung der Hausener Pilatussage zu tun haben, sollen aufgeworfen und diskutiert werden. In diesem Zusammenhang werden wir vielen Rätseln und Geheimnissen nachzugehen haben, die sich u.a. um einen Spruch auf einem Stein der Stadtmauer, eine alte rote Ritterhose, um zwei rätselhafte Hausnummern, eine versunkene Stadt, eine Goldschmiedelehre und um einen geheimnisvollen Hahn drehen. Und schließlich werden natürlich die interessantesten Fragen zu diskutieren sein: Was steckt eigentlich hinter der Sage? Welche (historischen) Ereignisse haben zur Entstehung der Sage geführt, und was war letztlich der Grund dafür, dass die Sage sich in der Pilodesgegend und dann in Hausen selbst ansiedelte und die heutige Form erhielt?
      Um es gleich an dieser Stelle vorwegzunehmen: Das Rätsel der Hausener Sage wird auch mit dieser umfangreichen Arbeit nicht vollständig gelöst. Dafür bleiben am Ende der Analyse einfach noch zu viele Fragen offen und zu viele Widersprüche als ungelöst im Raum stehen. Ich denke aber, dass mit der Zusammenstellung aller bisher bekannten wesentlichen Fakten und dem Einbringen vieler neuer Belege und Gedanken in die Diskussion ein Riesenschritt in diese Richtung getan wurde. Denn ich bin überzeugt, dass die Ergebnisse der vorliegenden Analyse weite Teile des großen Pilatus-Puzzles erkennen lassen. Wenn dabei einige Fragen aus dem Umfeld der Hausener Pilatussage als gelöst angesehen werden könnten und Anregungen für eine neue Diskussion und weitere Forschung gegeben worden wären, hätte diese Arbeit ihr Ziel bereits erreicht.

(1) wiedergegeben nach Wagner, Engelbert: Hausen b. Forchheim. Aus der Geschichte eines fränkischen Dorfes. - Bamberg 1997, S. 11; in ähnlicher Form von Wagner erzählt in einem Vortrag, gehalten im Dezember 1985 in Hausen, über den in den Hausener Nachrichten vom 3.1.1986 berichtet wurde.
(2) Kupfer, Konrad: Forchheim. Geschichte einer alten fränkischen Stadt. - 4. Auflage, Nürnberg 1998 (Erstausgabe Nürnberg 1960), S. 192
(3) Pfister, Ernst: Zur Pilatussage von Forchheim und Hausen. - in: Der fränkische Schatzgräber, 5. Jg., Nr. 4, 1927, S. 27
(4) Kunstmann, Heinrich: Die Pontius-Pilatus-Sage von Hausen-Forchheim und Wogastisburg. - in: Die Welt der Slaven, 24 (NF III), 1979, S. 226
(5) Deuerlein, Ernst G.: Forchheim und Umgebung in der Pilatussage. - in: Kaupert, Johann Max, Forchheimer Heimat, Bamberg 1951, S. 242f.
(6) Kunstmann, a.a.O., S. 243
(7) Konrad, Ruprecht: Rechtswort und Sage. Der Forchheimer Pilatus. Überlieferung und Deutung. - in: Archiv für die Geschichte von Oberfranken, 62, 1982, S. 43f.
(8) Werner, Doris: Pylatus. Untersuchungen zur metrischen lateinischen Pilatuslegende und kritische Textausgabe. - Mittellateinisches Jahrbuch/Beihefte, 8, Ratingen 1972, S. 27


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